Chile und Corona

Vorweg sei gesagt, wir sind gesund, haben kein Corona und haben unsere selbstgewählte Quarantänezeit im Wohnmobil gut überstanden. Als wir am 3. März 2020 nach Santiago de Chile flogen, war die Welt noch halbwegs in Ordnung. Es gab zwar erste Infektionen in Deutschland, aber von Pandemie oder Reisewarnungen nach Südamerika – keine Spur.

Von unserer geplanten 7wöchigen Tour durch Chile und Argentinien wurden leider nur 4 Wochen. Davon zwei sehr schöne Wochen in Patagonien (wie geplant), eine Woche Flucht nach Santiago de Chile und eine Woche dort in Hotels mit Ausgangssperren und warten auf einen Rückflug.

Aber der Reihe nach. Die Aussicht auf dem Flug von Buenos Aires nach Santiago de Chile war grandios. Die Anden, das “ Rückgrat Südamerikas“, durchziehen Chile auf voller Länge.

Sie erinnern mit ihren steilen Graten, Gletschern und von Eismassen eingeschliffenen Tälern ein bißchen an die Alpen, allerdings ohne Gipfel mit 5000 oder 6000 Meter Höhe und aktiven Vulkanen.

Eineinhalb Tage Aufenthalt in Santiago de Chile. Hier leben 40 % der Chilenen (rund 7,4 Mio. Menschen). Das großstädtische Flair steht im krassen Gegensatz zu den Siedlungen und Dörfern im Norden und Süden des Landes. Einen Tag nutzen wir für eine 6-stündige Stadtführung bei schlappen 37 Grad mit unserem Guide „Nelly“! Unsere 14 köpfige, internationale Gruppe startet am Mercado Central.

Die Ausstellungshalle für Künstler ist eine in Schottland gegossene Eisenkonstruktion aus dem Jahr 1872. Hier kann man nicht nur Fisch, Muscheln und Obst einkaufen, sondern diese auch an Ort und Stelle frisch zubereitet verspeisen.

Damit man weiß, was man bestellt, gibt es Musterteller! Besser als ein Foto :-).

Ein Brücke führt über den Rio Mapucho zum pittoresken Blumen- und Gemüsemarkt La Vega Chica.

Für Nachschub ist jederzeit gesorgt!

Über eine weitläufige Parkanlage erreicht man das Museo de Bellas Artes mit einer großen Kunstsammlung .

Seit November 2019 gab es in der chilenischen Hauptstadt regelmäßig Massendemos gegen die soziale Ungleichheit und die Kostenerhöhungen im öffentlichen Dienst. Überall sah man Parolen an Hauswänden und verbarrikadierte Schaufenster und Türen. Wie unerbittlich die Demos abliefen, zeigt dieser Gedenkstein von dem spanischen Konquistador Pedro de Valdavia und seinem eingravierten historischen Brief. Übersprüht mit der Anzahl der bisher getöteten Demonstranten – 357 !

Die berittenen Carabineros sehen wirklich furchterregend aus.

Zurück zu den angenehmeren Seiten Santiagos. Eines der schönsten Viertel der Innenstadt: Barrio Bellas Artes – Lastarria. Hier gibt es zahlreiche gemütliche Cafes und Restaurants, Töpfereien und moderne Kunstateliers.

Ein paar Straßen weiter liegt der öffentliche Park der Cerro Santa Lucia. Ein Hort der Ruhe mit angenehmer Kühle !

Keine Stadtführung ohne den Blick auf den Regierungspalast La Moneda und dem Denkmal für Salvador Allende. Der Palast ist angeblich so breit und niedrig um eine höhere Sicherheit bei Erdbeben zu erreichen.

Ein anstrengender Tag, voll mit Eindrücken und netten Begebenheiten, dank des sehr netten Guides von Strawberry Tours und unserer interessanten Multikulti- Truppe. Abends haben wir uns den beliebtesten Aperitif des Landes wirklich verdient – Pisco Sour 🙂

Nach einem 3 stündigen Flug entlang der Anden landen wir im kühlen und regnerischen Punta Arenas. Die südlichste Kontinentalstadt der Welt und schönste Stadt Patagoniens (?!) liegt direkt an der Magellanstraße und gegenüber kann man (bei gutem Wetter !)Feuerland sehen.

Am vermeintlichen Ende der Welt verblüfft der Ort mit einer attraktiven Plaza, der Plaza de Armas. Hier schreitet ein bronzener Magellan über zwei Ureinwohner hinweg. Wenn man den großen Zeh küsst, kehrt man angeblich nach Patagonien zurück. Wie gesagt, Corona war noch kein Thema :-(.

An der Uferpromenade bläst einem der frische Wind der Magellanstraße um die Nase. Alte Molen, hunderte von Kormorane, maritime Denkmäler und schöne Wandmalereien an tristen Gebäuden – ein netter Spaziergang.

Beste Aussicht von der Cerro de La Cruz.

Der schönste und interessanteste Friedhof Chiles liegt etwas außerhalb und wurde sogar zum Naturdenkmal erklärt. Haushohe Mausoleen reicher Schafbarone treffen auf schlichte Grabstellen ärmerer Einwohner.

Wir übernehmen unseren Begleiter für die nächsten Wochen: Chevrolet Blazer 4WD.

Auf dem Weg in Richtung Puerto Natalas bekommen wir schon erste Eindrücke von dem Begriff: “ fahren durch die Pampa !“ oder gar „wohnen in der Pampa !“

Die einzige Abwechslung besteht durch vereinzelte auftauchende Nandus oder Guanacos, die größte Art der Andenkamele. Schmecken übrigens gut!

Nach flotten 250 km durch patagonische Steppenlandschaft erreichen wir Puerto Natales. Die Hafenstadt ist der beste Ausgangspunkt für Ausflüge in die große Attraktion Patagoniens – den Nationalpark Torres del Paine.

Winddenkmal

Wir haben drei ganze Tage um den Parque Nacional Torres del Paine zu erkunden. In eineinhalb Stunden sind wir im Park und wandern zum Wasserfall Salto Grande. Hier stürzt der Rio Paine über eine Stufe und im Hintergrund sieht man die „Hörner“ Cuernos del Paine.

Da das Wetter uns von einem Schiffstörn zum Grey-Gletscher abhält, machen wir eine Tour direkt am Ufer des Lago Grey, dem blaugrünen Gletschersee.

Die Stimmung ist gut, zumal die Wettervorhersage uns die Bootstour zum Gletscher am nächsten Tag ermöglicht.

Vor dem Gletscher treiben dicke weißblaue Eisblöcke in bizarrsten Formen und alle sind fotogen!

selbst gefangen 🙂

Nach solch einem eindrucksvollen Tag ist eine fleischliche Stärkung sehr willkommen.

Jetzt geht es über die Grenze nach Argentinien mitten durch die Pampa. Ständige Wegbegleiter sind die Guanacos.

Ziel ist El Calafate, netter kleiner Ort am Rande des Nationalparks Los Glaciares. Der Name des Städtchens stammt von der Strauchpflanze Calafate, die 1,50m hoch wird und hartschalige Blaubeeren von intensivem Geschmack trägt. Es gibt Calafate – Marmelade, – Gelee, – Likör, – Bier …. Soll übrigens verdauungsfördernd sein ! Der Ort liegt am größten See Argentiniens. Der milchig grüne Gletschersee hat eine Fläche von 1600 km2. Passend dazu gibt es dort die „Grand Beef Argentina“ – leckere 600 gr. Steaks! Davon hat Stefan natürlich ein Foto gemacht, vom See nicht 🙂

Der Highlight unserer „Kurzreise“ war sicherlich der Besuch des Perito -Moreno-Gletschers.

Als Parkplatzwächter begrüßte uns ein Schopfkarakara. Sehr fotogen! Ansonsten sieht man ihn oft als Aasfresser am Straßenrand.

Der Gletscher kann von einem weitläufigen Netz aus Metallstegen und Aussichtsplattformen aus betrachtet werden. Er ist ein Ausläufer des Patagonischen Inlandeises und gehört zur größten zusammenhängenden Eismasse der Erde (22.000 km2), abgesehen von den Polregionen.

Die Eiswand, die sogenannte Gletscherzunge erhebt sich 60 Meter hoch und 4 km breit aus dem Lago Argentino. Der Perito-Moreno ist sicherlich der spektakulärste patagonische Gletscher, zumal er auch zu den wenigen wachsenden Gletschern weltweit gehört. Ihm beim „kalben“ zuzusehen, macht regelrecht Spaß und ist sehr beindruckend.

Abends holt uns der Coronavirus ein. Unser ContactChile – Büro empfiehlt uns Argentinien früher zu verlassen. Jetzt war Teamgeist angesagt.

Wir fahren nach El Chalten am Fusse des Monte Fitz Roy. Er gehört zum Nordteil des NP Los Glacieres und ist das Traumziel vieler Bergsteiger und Wanderer. Dichte Naturwälder, reißende Flüsse, Gletscherseen mit Eisbergen, darüber die spitzen Granitnadeln des Bergmassivs. Das war leider unser Wetter!

Patagonischer Graufuchs
Kondor

Bevor wir unsere Tagestouren planen konnten, kam die Hiobsbotschaft, daß der Nationalpark am nächsten Tag schließt und wir Argentinien dringend verlassen sollten, da die Grenzen ebenfalls geschlossen werden. Wir verließen El Chalten zwei Tage früher als geplant und düsten 750 km, davon 250 km auf Schotterpiste über Paso Roballo in Richtung Chile, Cochrane. Am Grenzübergang Argentinien hieß es: Geduld haben.

Am chilenischen Grenzübergang waren wir angeblich die Letzten, die passieren durften (19.00 Uhr) . Danach wurde das Vorhängeschloß angebracht. Glück gehabt :-).

Die Landschaft ist traumhaft. Schade nur, daß wir keine Zeit mehr hatten sie zu genießen. Was folgte, waren Hotelstornierungen, Schließungen von Nationalparks und sonstigen Sehenswürdigkeiten, von Restaurants und Cafes. Unser Ziel hieß: möglichst schnell in Richtung Santiago de Chile .Volltanken bekam da eine völlig neue Dimension.

Willkommene Abwechslung im Fahrstress! Kurze Pausen an schönen Stellen. Mal kurz die Seele baumeln lassen und nen Kaffee trinken.

Buscafe
tiefenentspanntes Gürteltier

Die Carretera Austral zu bereisen ist ein Abenteuer. Sie ist etwa 1200 km lang und führt teilweise durch tiefsten Regenwald, Meerengen müssen mit Fähren gekreuzt werden, Tankstellen sind selten und ein Teil der Piste besteht aus Schotter! Manche Teilstrecken sind gut gewartet, manche aber voller Regenlöcher, engen Kurven und Steigungen. „Waschbrett“ – Pisten lassen den Wagen regelrecht schlingern. Für 100 km mußte man locker zwei Stunden einplanen. Die Reifen werden extrem gefordert.

Unser letzter geplanter und gebuchter Stopp war in Puerto Tranquilo. Der Ort liegt am Lago General Carrera. Diese blaugrüne Riesenkrake ist mit 2240 km2 der größte See Chiles. Neben der Organisation eines neuen 265er Bridgestone-Reifens war eine Bootstour zu den „Marmorkapellen“ ein Muß. Extravagante Felsformationen in Ufernähe, Felshöhlen aus hellem, vieladrigem Marmor, der den See in changierenden Farben reflektiert“, so der Reiseführer. Was er nicht beschreibt, ist die abenteuerliche Bootsfahrt, zumindest bei windigem Wetter! Da es aber unsere letzte touristische Aktion war (Ausflüge wurden ebenfalls eingestellt), gaben wir noch mal alles.

Dafür wird man entsprechend eingekleidet und sieht aus wie ein vermummter Terrorist :-).

Das ist übrigens Ingeburg!

Zugegeben, wir anderen sahen auch nicht besser aus :-). Die „Capillas de Marmol“ sind aber auch fotogen. Mein Gott, hier eine Auswahl zu treffen ist wirklich schwer.

Dieses indische TukTuk eines Mexikaners hatte auf seiner Tour von Mexiko nach Feuerland und jetzt auf dem Rückweg einen Reifenschaden, einen!

Unsere letzte Wanderung machten wir in das Valle Exploradores. Die Tour durch den Regenwald mit Riesenfarnen und Schlingpflanzen führt zu einem Aussichtspunkt mit dem Panorama des Exploradores-Gletscher.

Wir starteten nach drei erholsamen Tagen im Hostal El Puesto weiter in Richtung Norden nach Coyhaique. Nach einer Stunde Fahrt auf unserer geliebten Carretera Austral – Reifenschaden! Diesmal hinten rechts 🙁 . Warum fahren wir eigentlich nicht mit einem TukTuk? Wir möchten an dieser Stelle nochmal den drei hilfsbereiten Chilenen danken, die uns in einer halben Stunde den Reifen gewechselt haben, bei Regen auf schlammigen Untergrund und ein Trinkgeld stolz abgelehnt haben.

Was jetzt folgt, ist eigentlich nur noch eine streßige Fahrt in Richtung Santiago de Chile. Gott sei Dank fährt noch die reservierte Fähre nach Hornopiren über den Golfo de Ancud, ohne diese 6 stündige Fahrt säßen wir wirklich fest.

Unsere Hotels haben reihenweise storniert; über mäßigen Ersatz ist man froh, da es immer noch besser ist, als im Auto zu schlafen :-). Auch hier lernen wir die Gastfreundschaft der Chilenen kennen, die wirklich das sprichwörtlich „letzte Hemd „mit einem teilen!

Hostal Juanita in Temuco

Da auch die Restaurants geschlossen hatten ist Fast Food angesagt; damit man keine Zeit verliert war die Motorhaube unser Eßtisch :-).

Nach diversen Straßenkontrollen mit Polizei in weißen Overalls und Fiebermeßgeräten, erreichten wir erleichtert das wie ausgestorben wirkende Santiago de Chile. Hier trafen wir auf Ausgangssperren und plötzlich schließende Hotels.

Unser erster Mundschutz, noch verkehrt herum 🙂 .

Man geht in den Supermarkt zum einkaufen bzw. bunkert für mehrere Tage Lebensmittel und kommt bei 30 Grad, bepackt wie Esel, in sein Hotel zurück und erblickt diese Fassade ?! „Bitte verlassen Sie unser Hotel, wir müssen schließen! “ Das waren Momente, da spürt man, wie belastbar man noch ist. Unser Ersatzhotel war, Gott sei Dank, super. Wir waren die einzigen Gäste und vier nette Angestellte des UGO – Hotels kümmerten sich um uns. Hier wollten wir bleiben – bis zu unserem Rückflug fünf Tage später! Pool, Bar, gutes Frühstück – da schmeckte sogar wieder der Pisco Sour 🙂 .

Zum Abschied noch – trotz Corona – ein gemeinsames Foto vor dem Hotel, welches wir übrigens sehr empfehlen können!

Der Rückflug mit LATAM über Sao Paulo lief zwar auch nicht ganz rund, aber egal, wir sind jetzt wieder zurück in unserem geliebten Deutschland! Haben unsere selbstauferlegte 14 tägige Quarantäne in unserem Wohnmobil bei lieben Freunden in der privaten Grundstückseinfahrt verbracht. Wie Ihr alle, hoffen wir auf baldige Lockerungen, damit wir wieder etwas reisen können. Deutschland würde uns ja reichen, da unser Fernweh und die Abenteuerlust nach dieser Reise erstmal gestillt sind :-).

Auf bald und bleibt gesund !!!!!!!

6 Gedanken zu „Chile und Corona

  1. Was für ein Abenteuer! Aber herrliche Bilder, die Lust auf die nächste Reise machen. Wir sind gespannt, über welches Land im nächsten Blog berichtet wird. Liebe Grüße vom Sundowner-Platz von Elvira und Lutz.

  2. Du meine Güte, welch Abenteuer!
    Trotz der Widrigkeiten … beeindruckende Fotos und intensiv beschrieben.
    Schön, dass ihr unbeschadet in „Good old Germany“ gesund und munter gelandet seid und wir uns – natürlich mit Abstand- auf unserer Terrasse bei Kaffee und Kuchen sehen konnten.
    LG Karin und Jürgen

  3. Was für eine tolle reise, Bilder und berIchte. Aber auch schön, dass ihr gesund wieder seid. Liebe Grüße und bis bald. Angelika

  4. Freut mich, dass ihr die verkürzte Reise zum großen Teil genossen habt. Hoffen wir dass die Lockerungen bald kommen und wir uns persönlich wieder sehen können.
    Danke fürs virtuelle miterleben lassen.
    Gruß Claudi und Uwe

  5. Hallo, ich bin Nicolas de Recepcion, ich hoffe es geht dir sehr gut, ich möchte dir eine riesige Umarmung und Grüße aus Chile schicken.
    Es war mir eine Freude, Sie kennenzulernen.

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